Förderkreis Asyl Würselen e.V. / 15.5.2026:


Die Migration ist für viele Geflüchtete oft selbst eine Traumatisierung

In den vergangenen Jahren sind die schrecklichen Attentate, verursacht von psychisch stark belasteten geflüchteten Personen in Aschaffenburg, München und Solingen, ausführlich in der medialen Berichterstattung und in der politischen Debatte behandelt worden, ohne die konkreten Traumata der jeweiligen Attentäter zu untersuchen und zu behandeln. Vielmehr wurden die beteiligten Täter politisch pauschal und damit populistisch wirksam als „Sicherheitsrisiko“ und „als Gefährder der öffentlichen Sicherheit“ eingestuft, die schnellstmöglich abgeschoben werden müssen, um sie als Gefährder zu beseitigen, statt ihnen eine medizinisch notwendige Behandlung zukommen zu lassen. Nach dem aktuellen Versorgungsbericht zur psychosozialen Versorgung von Flüchtlingen und Folteropfern in Deutschland, herausgegeben von der BAfF, der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer, benötigen mindestens 30 % der Menschen mit Fluchterfahrung potenziell psychotherapeutische Hilfe. Doch in Deutschland wird lediglich ein Bruchteil dieser Menschen angemessen versorgt, nämlich nur 3 % aller Geflüchteter.

Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung oder Hungerkatastrophen. Die ausweglose Situation in ihren Herkunftsländern führt viele von ihnen dazu, die Lösung der eigenen oder der Probleme ihrer Familie in der Flucht nach Europa zu suchen. Auf dieser Flucht erleben sie häufig schwerste Traumatisierungen durch Gewalterfahrungen oder durch lebensgefährliche Situationen, die sie in der Hoffnung auf ein Ende ihres Leidens in dem Land, in dem sie Schutz erwarten, überstehen. Diese Menschen, die alle Schwierigkeiten auf ihrer Flucht bewältigt haben, warten bei ihrer Ankunft in Deutschland nur darauf, endlich ihre Energie und ihre Fähigkeiten in diesem Land einzusetzen, werden allerdings nach ihrer Ankunft in ihren Erwartungen und Möglichkeiten total ausgebremst.

In unserer Arbeit mit den Geflüchteten erleben wir als Förderkreis Asyl, wenn wir behutsam ein Vertrauensverhältnis entwickelt haben, die Probleme der bei uns ankommenden Menschen hautnah mit. Zunächst erfolgt ihre Unterbringung in den völlig von der Außenwelt abgeschotteten Zentralen Unterbringungseinrichtungen (ZUE) wie in unserer Region in Düren-Gürzenich, dann folgt das erste Interview durch das BAMF über ihre jeweiligen Fluchtgründe, ohne vorher fachlich darauf vorbereitet zu werden, anschließend die Zuweisung an die Kommunen und dort die Aufnahme in Mehrbettzimmern in Gemeinschaftsunterkünften, in denen keinerlei Privatsphäre möglich ist, und das für Monate und teilweise sogar für Jahre. Mit derartig extremen Belastungen sehen sich die geflüchteten Menschen nach ihrer Ankunft in Deutschland konfrontiert, zusätzlich zu der fremden Sprache, die sie nicht beherrschen, den gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen, die ihnen fremd sind, und einer Bürokratie, die sie nicht verstehen und die sie ohne fremde Hilfe nicht bewältigen können.

Zu diesen äußeren Belastungen erleben die geflüchteten Menschen die Migration an sich schon als kritische Gefährdung ihrer psychischen Stabilität. Ihre Flucht aus ihrem Heimatland bedeutet für sie den Verlust familiärer und nicht familiärer Bezugspersonen und damit eine totale soziale Entwurzelung, gleichbedeutend mit einer gravierenden Identitätskrise und Rollenverlusten. Das trifft besonders hart die Menschen aus dem arabischen Kulturkreis, aber ebenso zumeist junge Menschen aus afrikanischen Staaten, in denen die Familie eine ganz zentrale und bestimmende Rolle im Leben eines jeden Menschen spielt. Gerade deshalb wäre für hier alleinlebende Flüchtlinge eine Familienzusammenführung für ihre psychische Stabilität von großer Bedeutung. Insofern bedeutet die Entscheidung der Bundesregierung, ab Juli 2025 den Familiennachzug für subsidiäre Flüchtlinge für zwei Jahre auszusetzen, einen herben Rückschlag für ihre Integrationsbemühungen, weil ihnen der familiäre soziale Halt fehlt. Eine derartige soziale Entwurzelung hat für die Betroffenen viele negative Folgen wie Orientierungs- und Perspektivlosigkeit und Depressionen, die besonders bei jungen Menschen zu selbstzerstörerischem Verhalten wie zum Drogenkonsum führen können.

Diese persönlichen psychischen Belastungen werden durch die staatlichen und die gesellschaftlichen Probleme in Deutschland zusätzlich außerordentlich verschärft: unsicherer Aufenthaltsstatus, drohende Abschiebung, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung bis hin zu rassistischer Gewalt. Geflüchtete Menschen machen also nicht nur in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht traumatisierende Erfahrungen, sondern auch in ihrem Ankunftsland Deutschland und bedürfen deshalb dringend einer psychotherapeutischen Behandlung. Im Jahr 2025 wurde die finanzielle Lage der Psychosozialen Zentren, die für die Behandlung traumatisierter Geflüchteter zuständig sind, erheblich verschlechtert, indem der Bund die Fördermittel um knapp die Hälfte gestrichen hat. Das bedeutet für viele Zentren die komplette Schließung oder einen massiven Stellenabbau und damit eine weitere Unterversorgung der dringend zu behandelnden geflüchteten Menschen.

Sehr positiv erscheint auf den ersten Blick die vom Bundesinnenminister Alexander Dobrindt geplante „Sofort-in-Arbeit-Maßnahme“. Demnach sollen Asylbewerber bereits nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland arbeiten dürfen, auch wenn ihr Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Er begründet dieses Vorhaben mit überzeugenden Argumenten wie „Die beste Integration ist die durch Arbeit.“ und „Das Ziel ist Teilhabe durch Arbeit.“, aber sie verbergen die eigentliche Zielsetzung dieser Maßnahme, nämlich die Reduzierung der Sozialleistungen und damit die Entlastung der Sozialkassen durch eigenes Einkommen der Asylbewerber.

Allerdings hat parallel dazu das Bundesinnenministerium den Zugang zu freiwilligen Integrationskursen eingeschränkt. Von diesem Vorhaben sind nach Schätzung des Volkshochschulverbandes 130.000 Menschen betroffen. Sie müssen demnächst also die Kosten für einen Integrationskurs selbst zahlen, obwohl ausreichende Sprachkenntnisse die Voraussetzung für eine gelungene gesellschaftliche Integration und auch für eine erfolgreiche Ausbildung und anschließende Beschäftigung sind. Dobrindt behauptet auch, dass die Asylbewerber durch Arbeit am schnellsten die Sprache lernen. Derartige rudimentäre Sprachkenntnisse ermöglichen allerdings nur den Zugang zu prekären Arbeitsverhältnissen und damit auch nur zu geringen und unsicheren Einkommen.

Als weiteres Hindernis für eine erfolgreiche Integration hat die jetzige Bundesregierung die Möglichkeit einer schnellen Einbürgerung nach drei Jahren, wie sie die Ampelkoalition eingeführt hatte, wieder abgeschafft und auf frühestens fünf Jahre festgelegt. Die damalige Regelung für eine schnelle Einbürgerung hatte viele geflüchtete Menschen zusätzlich motiviert, sich verstärkt um ihre Integration zu bemühen, denn die Voraussetzungen für eine schnellere Einbürgerung sind eine eigene Wohnung, ein fester Arbeitsplatz und gute Sprachkenntnisse. Von dieser Möglichkeit hatten 2024 rund 200.000 Menschen Gebrauch gemacht. Durch die Verlängerung der Wartezeit auf fünf Jahre ist diese Motivation zumindest abgeschwächt worden.

Anhand all dieser Probleme wird deutlich, mit welchen traumatisierenden Erfahrungen geflüchtete Menschen nach ihrer Ankunft in Deutschland konfrontiert sind und wie schwer es für sie ist, sich erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Damit sie zukünftig als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft ihren Anteil an unserem Gemeinwohl erbringen können, benötigen sie tatkräftige Unterstützung durch Behörden und ehrenamtliche Begleiter sowie psychotherapeutische Hilfe, denn alte und neue Traumatisierungen müssen unbedingt professionell behandelt werden. In einigen Fällen ist es uns als Förderkreis Asyl gelungen, gefährdete geflüchtete Menschen durch kontinuierliche Zusammenarbeit mit ihnen zu unterstützen und zu stabilisieren, so dass sie wieder aktiv an unserem gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnten. Allerdings sind unsere Möglichkeiten personell und finanziell stark begrenzt.

Download: Artikel Traumatisierung

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner